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Schliemann im Film
SAT.1 sendete am 19. und 20. März 2006 einen neu gedrehten Zweiteiler über Heinrich Schliemann unter dem Titel "Der geheimnisvolle Schatz von Troja" mit Heino Ferch in der Hauptrolle. Wenn Sie sich die Verfilmung angesehen haben, dann schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Film und lassen Sie uns diskutieren!
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- Heinrich-Schliemann-Museum
Lindenallee 1
17219 Ankershagen / Mecklenburg
Telefon: (03 99 21) 32 52
Telefax: (03 99 21) 32 12
E-Mail: info@schliemann-museum.de
Die Diskussion:
Satire auf die Verfilmung
von Rainer Hilse
Göttergespräche: Der geheimnisvolle Schatz von Troja
Eine Satire von Rainer HilseHermes: Zeus, hilf!
Die Götter sind besoffen!
Sie sitzen lachend da, als wären's Toren! Schon nach dem ersten Teil des Films "Der geheimnisvolle Schatz" auf Sat.1 vernebelte sich ihr Geist und nach dem zweiten Teil hatten sie sich gänzlich zugekifft und voll gesoffen.Zeus: Wie kam’s denn, dass sie ihre Würde ganz vergaßen? Hermes: Es geht um Schliemann, dessen Leben man im Film zur Posse machte, von Unwahrheiten und Ungereimtheiten strotzend! Alles brachte man durcheinander, Raum und Zeit spielten keine Rolle mehr. Zeus: Was denn? Den Doktor? Unseren Heinrich, der in Troja grub, hat man beschädigt? Hermes: Ihr sagt es!
Schon eine halbe Stunde nach Beginn des Films begann’s in seinem Grabe zu rumoren. Am Ende des Spektakels drehte sich sein Leichnam wie eine Windmühle. Und jetzt Stunden nach der Aufführung ist noch kein Ende abzusehen!Zeus: Das ist Leichenschändung! Hatte er denn nicht genug damit getan, der Menschheit 2000 Jahre Geschichte zu schenken? Zählen denn Verdienste gar nichts mehr? Hermes: Mir sträubt sich die Zunge! Die Story ist zu skandalös und fürchte ich euern göttlichen Zorn heraufzubeschwören, wenn ich Einzelheiten berichte! Zeus: Erzähl! Lass mich nicht im Unklaren! Hermes: Nun gut, wenn ich muss, beuge ich mich diesem Zwang!
Ihr kennt seinen Lebenslauf!Zeus: Für uns Götter ist's, als sei er erst gestern zum Olymp aufgefahren! Was fragst du? Natürlich kenne ich meine "Pappenheimer"! Er war ein intelligentes Bürschchen und clever! Wurde Millionär, wühlte im Geschäft und hätte ein wenig eher die Sprachverwirrung in Babylon als Übersetzer verhindert. Sprach er doch wie kaum ein Zweiter in allen möglichen Zungen! Oft jedoch dichte er in seiner Biografie herum, um sich noch interessanter zu machen, als er es ohnehin schon war! Aber vieles davon hat man entlarvt und aufgeklärt. Menschliche Eitelkeiten! Hermes: Stimmt! Davon war er wirklich nicht frei!
Aber der Film ist nun gänzlich was anderes!
Obwohl, das Werben um Sophia ist so ziemlich getreu dargestellt. Eine Ausnahme, aber immerhin. Sie war dreißig Jahre jünger als Heinrich, dass es da einige "Verständigungsschwierigkeiten" gab, lag auf der Hand. So zwischen väterlichem Freund und Ehemann, das war nicht leicht.Zeus: Ich weiß! Zu Beginn der Beziehung war sie nicht ganz pflegeleicht, so jung, so schön und eine Griechin! Später allerdings hat sie ihn geschätzt, wenn nicht sogar geliebt, ihren Heinrich. Ja, so manches Mal hat er sie einfach überfordert! Aber ging es ihr schlecht, so hätte er sein eigenes Leben gegeben, um sie zu retten! Hermes: Nun, diesen Part hat der Film ganz und gar gewürdigt, auch wenn Sophia mehr als emanzipierte Frau des Jahres 2007 erscheint. Wir wissen es besser, sie war ein selbstbewusster Mensch, aber ihrem Jahrhundert verhaftet. Zeus: Was hat dann die Götter bewegt, sich so ungöttlich zu benehmen? Erzähl! Hermes: Je, nun schon zu Beginn des Filmes wird's brenzlig. Schliemann gibt dort vor der Akademie in Berlin seinen Entschluss bekannt, Troja auszugraben. Schon das ist Blödsinn. Virchow findet das Klasse, aber ein Herr Neumann (manche vermuten in dieser Rolle Herrn Prof. Curtius) nun gar nicht! Nun ist zwar alles frei erfunden, aber harmlos, denn es kommt noch schlimmer, ganz schlimm! Zeus: Ich kenne einen Herrn Bötticher als Widersacher! Hermes: Den kenn' ich auch. Aber das war ja viel später! Zeus: Ja, Donnerwetter! Wann spielt denn das Machwerk? Hermes: Eben dies ist ja kaum auszumachen und trieb die Götter zur Verzweiflung! Folgt man Heinrichs Biografie, so spielt sich das ganze Spektakel zwischen 1869 und 1873 ab! Zeus: Aber was hat dann Virchow damit zu tun? Er und Schliemann traten doch erst 1875 in Kontakt? Und Curtius war Schliemanns Theorie nur deshalb zuwider, weil er an Bunarbaschi als Standort Trojas glaubte. Hermes: Ihr sprecht die Wahrheit gelassen aus, doch zwischen ihr und dem Film liegen Welten. Schliemann ist regelrecht umzingelt von Intriganten und Bösewichtern, wird von Besitzern des Grabungshügels verfolgt, verletzt und halb getötet. Selbst die Grabung gerät zur Farce! Zeus: Die Grabung? Ja grub er nicht die berühmten Gräben in die Tiefe, riss Mauern ein, was er später tief bereute? Hermes: Doch, das tat er! Zeus: Na bitte, dann ist doch alles wie's sein soll! Hermes: Das eben nicht gerade! Stellt euch vor, im Film gräbt man den Priamos- Schatz im Tunnel aus! Zeus: Tunnel? In Troja? Nichts dergleichen habe ich gehört. So etwas ist mir nur aus Herculaneum bekannt! Hermes: Ihr sagt es! Zeus: Und der Schatz selbst? Förderte ihn Schliemann selbst zu Tage? Denn wie alle Welt heute weiß, war Sophiens Anwesenheit ja frei erfunden, erwies das gute Kind doch ihrem Vater in Athen die letzte Ehre und konnte nicht in Troja sein! Hermes: Wo denkt ihr hin? Wer vor Kutschverfolgungsfahrten wie im Wilden Westen nicht zurückschreckt, Herrn Neumann ständig auf der Grabung erscheinen lässt, gemeinsam mit dem türkischen Minister dunkle Machenschaften organisiert, um Schliemann von der Grabung zu vertreiben, und Mord und Totschlag plant, der kann doch auf diese Szene nicht verzichten. Zeus: Das zu sehen, ist schwer auszuhalten! Hermes: Nur im Suff! Ihr seht es ja an unseren Göttern! Aber das Beste kommt zum Schluss. Schliemann rettet seinen Schatz und bringt ihn außer Landes. Doch an Stelle, ihn zu verstecken, wie das "Schlitzohr" ja getan, präsentiert er ihn in einem Theater in Berlin vor Kaiser, Bismarck und der versammelten Gelehrtenschaft. Stellt euch nur vor, der Vorhang hebt sich wie im Kasperle-Theater, der Schatz erscheint und alles jubelt! Zeus: Aber das alles hat doch nichts mit unserem Heinrich zu tun! Hermes: Im Grunde nichts, begibt man sich auf die unterste Ebene, kann man schon Gemeinsamkeiten ausmachen! Heinrich lebte, war reich, grub wie ein Besessener, fand den Schatz und heiratete Sophia! Zeus: Und wie hat mein Töchterchen Athene denn die Sache aufgenommen? Schliemanns Göttin, die ihm damals manchen Schatz gezeigt. Er glaubte unerschütterlich an sie und sie liebte ihn . Hermes: Sie hat nicht gelacht! Fand die Sache überhaupt nicht komisch. Die Musen beschimpfte sie als Huren, weil sie den Drehbuchautor schamlos küssten, und er dabei nur auf blödsinnige Gedanken kam. Dann weinte sie bitterlich - vor Wut! Zeus: Nun, wer verkörperte denn die Gestalt von Heinrich? Hermes: Ja, die Gestalt glich Heinrich nicht, nichts hätte ungleicher sein können. Heinrichs Gestalt war klein, eher schmächtig, die Filmgestalt von Heinrich wahrhaft herkulisch. Zeus: So meint ich's nicht, wollt' wissen, wer der Mime war, der Heinrich spielte! Hermes: Ach so, Ferchs Heino war's! Er gab sein Bestes, wie die anderen Schauspieler auch. Sie waren handverlesen! Zeus: Dann wundert's mich. Schauspieler können doch lesen und Schliemann- Literatur gibt's genug, gute und weniger gute! Warum spielen sie nichts Wahrhaftiges, sondern geben sich für Possen her? Hermes: Vielleicht hat's was mit Geld zu tun? Obwohl, überdenk ich's recht, so schnitt Deutschland bei der PISA-Studie nicht gerade berauschend ab, aus mangelnder Fähigkeit der Texterschließung! Zeus: Gut, das wäre eine Erklärung! Bleibt nur zu hoffen, dass der Zuschauer den Film nicht für bare Münze nimmt und noch mehr Verwirrung um Heinrich entsteht, als sowieso schon herrscht!
Genug geplaudert! Wir müssen handeln! Du, Hermes, eilest zu Hypnos und Morpheus, sie sollen den Göttern den wohlverdienten Schlaf des Vergessens bringen. Dann ab zu Hades, er soll Schliemanns Geist besänftigen, obwohl ich jetzt verstehe, warum er sich im Grabe dreht. Und dann bitte Kleio, sie möge keine Geschichtsklitterung in Sachen Heinrich mehr zulassen, man hat ja nicht's gegen künstlerische Freiheit, aber was zu weit geht, geht zu weit!Hermes: Kluge Entscheidungen, Chef!
Filmkriktik
von Dr. Reinhard Witte, Leiter des Schliemann-Museums
"Der geheimnisvolle Schatz von Troja"
Filmkriktik von Dr. Reinhard WitteSat.1 zeigt: „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“
Der mecklenburgische Pastorensohn Heinrich Schliemann (1822-1890) hatte ein ungemein spannendes Leben. Er war Kaufmann und Forscher, Sprachgenie und Weltreisender, russischer und amerikanischer Staatsbürger, Teilnehmer am kalifornischen Goldrausch und Schiffbrüchiger, vor allem aber Ausgräber in Troia und Mykene sowie Wegbereiter einer neuen Wissenschaft, der Spatenarchäologie. Dieses tatsächlich gelebte Leben bietet allein schon Stoff für zahllose Bücher und Filme. Schliemann genügten aber seine wahren Erlebnisse nicht. In seiner Selbstbiographie von 1881 schmückte er sein Leben noch mit erfundenen Geschichten aus und vergaß, jene „Wahrheit und Dichtung“ zu nennen. Viele Ausschmückungen oder sogar Lügen waren schon seinen Zeitgenossen und sind auch der modernen Schliemannforschung bekannt. So stimmen u. a. der Kindheitstraum von Troja, dramatische Erlebnisse in Amerika oder die Anwesenheit der griechischen Ehefrau Sophia beim Auffinden des „geheimnisvollen Schatzes von Troja“ – besser als sog. Schatz des Priamos oder Schatzfund A bekannt – nicht mit den Tatsachen überein.
Dem Sat.1 Zweiteiler reicht nun Beides nicht aus: das tatsächlich geführte ereignisreiche Leben Schliemanns und seine Ausschmückungen! Mit einer Ausnahme allerdings: Frau Sophia ist bei der Entdeckung des Schatzfundes wieder dabei, so wie der Ausgräber es beschrieb. Sämtliche Erkenntnisse der modernen Schliemannforschung ignorierend und teilweise sogar wider besseres Wissen entstand somit ein Spielfilm, den ich mich nicht scheue, als Räuberpistole mit Courths-Mahler-Gewürz zu bezeichnen. Mit dem Leben von Schliemann hat das Gezeigte wenig zu tun. „Aber es ist doch nur ein Spielfilm und keine Dokumentation“, wird es heißen. Richtig. Aber ein Spielfilm, der von wahren Personen und Ereignissen handelt, sollte bei aller Fiktionalität diesen Personen und Ereignissen weitgehend gerecht werden. Die nachfolgende Kritik an dem Film wäre gegenstandslos, wenn der Archäologe, der darin die Hauptrolle spielt, nicht Heinrich Schliemann, sondern Heino, pardon: Hans Schlaumann hieße, der mit Hilfe seiner schönen Ehefrau einen fiktiven Schatz aus einem unbekannten Erdhügel ausgräbt. Da das aber leider nicht der Fall ist, muss hier Kritik ansetzen.
Der Spielfilm leidet unter zahllosen Fehlern und unnützen Übertreibungen. Nur die gröbsten sollen hier aufgezählt werden:
- Durch Vorspann und Einblendungen wird dem Zuschauer suggeriert, dass der berühmte Schatzfund aus der Zeit des sagenhaften Untergangs Trojas stammen würde. Mitnichten! Der Schatz ist ca. 1000 Jahre älter, als eine mögliche kriegerische Zerstörung des Ortes. Schliemann fand ihn in der Schicht Troia IIg. Überreste eines möglichen homerischen Troias oder der Residenz eines möglichen Königs Priamos lassen sich nur in Troia VIh (nach Dörpfeld) oder Troia VIIa (nach Blegen) finden, also in etwa in der Zeit um 1250 bzw. 1200 v. Chr. Der Fund der Helios-Metope oder die im Film gezeigte griechische Inschrift vom „Ratsgebäude“ hat rein gar nichts Homer zu tun.
- Zu Beginn des Films wird eine Jahreszahl eingeblendet: Berlin 1868. Und in der Zusammenfassung des ersten Teils des Films heißt es nochmals: Im Sommer 1868 begannen die Ausgrabungen auf dem Hügel Hisarlık. Warum 1868? Alle dann im Film gezeigten Personen und Ereignisse spielen in Schliemanns Leben nämlich erst später eine Rolle. Völlig unsinnig ist die Unterstützung Virchows für Schliemann schon 1868. Beide Männer kennen sich erst seit August 1875. Auch muss der Zuschauer den Eindruck gewinnen, dass vom Beginn der Arbeiten nur kurze Zeit bis zum Finden des Schatzes vergangen ist. Das Ereignis war aber erst am 31. Mai 1873 und nicht im Sommer 1868. Freilich gibt es im Film nebulöse Andeutungen, die den historisch bewanderten Zuschauer auf ein späteres Fundjahr schließen lassen, denn vor dem Auffinden des sog. Schatzes des Priamos fand ein Krieg in Europa statt (gemeint ist natürlich der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71) und die Kaiserkrönung Wilhelm I. (1871). Doch so einfach ist das Ganze dann auch wieder nicht! Der Film bietet ein heilloses Durcheinander der tatsächlichen Zeitabläufe: Die Helios-Metope (gefunden 1872) wird vor der Kaiserkrönung (1871) entdeckt. Der Tod der Tochter Natalie (sie stirbt im Dezember 1869 im Alter von knapp 11 Jahren) wird Schliemann auf dem Ausgrabungsplatz per Telegramm mitgeteilt. Nun beginnen zwar die „filmischen Ausgrabungen“ im Sommer 1868, die tatsächlichen aber erst 1870 (illegale Grabung) bzw. 1871. Schliemann wird mit seinem zweiten Buch „Ithaka, die Peloponnes, Troja“ (in der französischen Fassung) im April 1869 an der Rostocker Universität in absentia zum Dr. phil promoviert, doch im Film war das schon 1868. Schliemann fährt nach dem fiktiven Mordanschlag auf ihn zu Bismarck auf den Kriegsschauplatz (das muss dann aber zumindest 1870 sein) und danach sieht er die Frau seines Gegners „Michaela Neumann“ wieder, der er berichtet, dass er mit Sophia nur ein paar Monate zusammen war. Ein paar Monate? Also sind wir doch noch im Jahre 1868? Die wahre Sophia Schliemann (geb. Engastromenos) bekam ihr erstes Kind, die Tochter Andromache, am 7. Mai 1871. Beim filmischen Entdecken des Schatzes war Sophia noch nicht einmal schwanger, zumindest war davon nichts zu sehen. Alles klar? Warum arbeiteten die Filmproduzenten überhaupt mit einer Jahreszahl?
- Am 31. Mai 1873, dem tatsächlichen Fundtag, weilte Sophia in Athen und nicht auf dem Ausgrabungshügel Hisarlık. Hätten das die Filmemacher aber berücksichtigt, dann hätte man den Zweiteiler gar nicht drehen brauchen. In einem Brief Schliemanns an Sir Charles Newton heißt es: Wegen des plötzlichen Todes ihres Vaters verließ mich Frau Schliemann Anfang Mai (1873). Der Schatz wurde Ende Mai gefunden. Da ich aber aus ihr eine Archäologin machen will, schrieb ich in meinem Buch (Trojanische Alterthümer), dass sie anwesend war und mir bei der Bergung des Schatzes geholfen hat.
- Überhaupt wird der Anteil Sophias an den ersten Ausgrabungen überspitzt, die von Frank Calvert aber, der Schliemann den richtigen Tipp gab, wo er nach Troja suchen muss (nämlich auf dem Hügel Hisarlık), vernachlässigt. Im Film belehrt Sophia ihren Mann, dass Troia nicht auf dem Hügel Bunarbaschi zu finden ist (zu weit vom Meer entfernt, hier gibt es 40 und nicht zwei Quellen, wie Homer es beschrieb), oder sie übersetzt für ihn eine altgriechische Inschrift.
- Es macht keinen Sinn, wenn die meisten Filmrollen ihre richtigen Namen tragen – Schliemann, Virchow, Vorarbeiter Yannakis, Aufseher Savet Pascha, Bismarck, Wilhelm I. – und damit Historizität vorgegaukelt wird, wenn andererseits ein Hauptgegner Schliemanns, Ernst Curtius, im Film Prof. Neumann genannt wird, dessen Ehefrau – oh Gott! – sich auch noch in Heinrich verliebte. Oder wollten die Filmproduzenten einer Gerichtsklage entgehen, denn der Hauptgegner stiftet zum Mord an Schliemann an, das wollte man wohl einer historischen Person dann doch nicht unterschieben?
- Der Gelehrtenstreit um Existenz oder Nichtexistenz eines homerischen Trojas und seiner Lage (Bunarbaschi oder Hisarlık) wurde mit scharfer Feder ausgefochten und nicht, wie der Film es weismachen möchte, mit Mord und Totschlag. „Der Clou“ kommt am Schluss des Films. Robert Redford und Paul Newman lassen grüßen!
- Der Film zeigt, dass es auf dem Ausgrabungsplatz zu einem tödlichen Arbeitsunfall kommt (betroffen war ein fiktiver Bauingenieur), an den Schliemanns Eile schuld war. Das ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. In der Tat kam es auf dem Hügel Hisarlık zu einem Mauereinsturz, der allerdings glimpflich verlief. Andererseits ist der Vorschlag eines „Spions Prof. Neumanns“, den Ausgrabungshügel zu untertunneln, geradezu witzig. Hatte nicht Heino Ferch auch in einem Film „Der Tunnel“ mitgespielt?
- Völlig irrsinnig ist die Präsentation des sog. Schatzes des Priamos auf einer Berliner Bühne vor Kaiser und Gelehrtenwelt. Schliemann konnte anfangs seinen Schatzfund gar nicht der Öffentlichkeit zeigen, weil er wegen illegaler Ausfuhr aus der Türkei diesen erst einmal verstecken musste. Schliemann verschickt den Schatz noch am Fundtag Richtung Athen. Laut Ferman (Ausgrabungserlaubnis des Sultans) war er verpflichtet, alle Funde auf dem Hügel Hisarlık mit der Türkei zu teilen. Das wollte er aber nicht. Andererseits wollte er aber auch nicht den Fund verschweigen, denn der „Schatz des Priamos“ war ja für ihn der Beweis, das homerische Troia gefunden zu haben. Er veröffentlicht also diesen Fund. Daraufhin will die Türkei ihn zurückhaben. Damit er von den Behörden in Athen nicht beschlagnahmt werden kann, lässt Schliemann den Schatz erst einmal „verschwinden“. Nach einem Prozess mit der Türkei wird Schliemann 1875 zu einer Geldstrafe von 10.000 Goldfranken verurteilt. Schliemann zahlt das Fünffache. Damit geht die Sammlung „trojanischer Altertümer“ nebst sog. Schatz des Priamos in das Eigentum Schliemanns über. Bevor er die Sachen nach Berlin verschenkt (1881), sind sie von 1877 bis 1880 im South Kensington Museum in London das erste Mal ausgestellt.
- Warum Schliemann im Film als Preuße bezeichnet wird und mit seinen Ausgrabungsmethoden die Ehre der preußischen Akademie „besudelt“ ist nicht nachvollziehbar. Schliemann war Mecklenburger, seit 1847 russischer und seit 1869 amerikanischer Staatsbürger.
- Schliemann musste nicht seine Fabriken (welche?) verkaufen, um seine Ausgrabungen zu finanzieren. Er hatte 1864 seine Geschäfte in Russland liquidiert. Bei Testamentseröffnung belief sich sein Vermögen auf umgerechnet rund 50 Millionen Euro. Und das 1890! Seine Ausgrabungen konnte er – überspitzt formuliert – mit einem Teil seiner Zinsen durchführen.
- Natürlich lässt der Film auch nicht die pikante, aber nicht bewiesene Behauptung aus, seine erste Frau, die Russin Jekaterina Lyshina, war Lesbin.
Noch einmal: Ja, es ist ein Spielfilm, den aber viele für bare Münze nehmen werden. Er wird denen gefallen, die nur unterhalten werden wollen und an keinem Erkenntnisgewinn interessiert sind. Gut dargestellt sind – und das soll auch nicht verschwiegen werden – die Besessenheit Schliemanns, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und das Zusammenraufen des ungleichen Ehepaars. Zweimal heißt es im Film, dass Schliemann auf der Suche nach der Wahrheit und nicht nach Gold und Silber ist. Das ist bemerkenswert! Es wäre jedoch erfreulich gewesen, hätte der Zweiteiler dies auch berücksichtigt. Doch der Quotenstress verlangt nach Verfolgungsjagden und Pistolenschüssen.
Diskussionsauftakt
Leserbrief verfasst von Dr. Reinhard Witte, Leiter des Schliemann-Museums, in Reaktion auf einen Bericht der "Berliner Morgenpost"
Leserbrief
Mit nachfolgendem Leserbrief reagierte Dr. Reinhard Witte, Leiter des Heinrich-Schliemann-Museums, auf einen Artikel in der "Berliner Morgenpost", der unter dem Titel "Heino Ferch auf Schliemanns Spuren" über die aktuellen Dreharbeiten zu einem Zweiteiler über Heinrich Schliemann berichtet.
Berliner Morgenpost
Redaktion: Leserbriefe
Axel-Springer-Str. 65
10888 BerlinSehr geehrte Damen und Herren,
am 9. August veröffentlichte Ihre Zeitung einen Artikel von Barbara Jänichen und Dieter Weihrauch „Heino Ferch auf Schliemanns Spuren. In Marwitz entstehen wichtige Szenen des Sat.1-Zweiteilers ‚Auf der Jagd nach dem Schatz des Priamos’“. Darin wird auch die Produzentin des Fernsehfilms, Ariane Krampe, zitiert: „Es war der beiderseitige Wunsch, diese Produktion zu machen. Mittlerweile ist Heino Ferch schon ein Sachverständiger in Sachen Schliemann, er hat sich sehr intensiv vorbereitet und alle verfügbaren Bücher über ihn gelesen.“ Diese zwei Sätze und die Pressemitteilungen von Sat.1, die sich mühelos von jedem Interessierten im Internet nachlesen lassen, fordern mich als Leiter des Heinrich-Schliemann-Museums Ankershagen, einem Zentrum der internationalen Forschung über den Troiaausgräber, geradezu auf, hier ein paar Bemerkungen zu machen.
Seit über drei Jahren weiß ich von diesem Projekt. Bereits am 19. Juni 2003 schrieb ich an Sat.1 u. a.: „Diese Nachricht [über den geplanten Film – R. W.] erfreut und beunruhigt mich zugleich. Sehr erfreut bin ich darüber, welches große Interesse der berühmte Kaufmann und Forscher nach wie vor in den Medien findet, obwohl ja seine Jubiläen (Geburtstag, Todestag u. a.) im Moment vorbei sind. Beunruhigung empfinde ich bei dem Gedanken, dass vielleicht wieder einmal nur das Sensationelle im Leben und Werk Schliemanns eine Rolle spielen könnte (vorerst letzte Beispiele: Augstein-Artikel im Spiegel, Biographien von Traill, Vandenberg und Flügge). Damit würde man aber diesem Mann nicht gerecht werden. Ich hoffe, dass meine Beunruhigung bei Ihrem Sender jedoch zu Unrecht besteht. Ich biete Ihnen hier bereits im Vorfeld meine Mitarbeit an. Drehen werden Sie in Ankershagen ja auf alle Fälle.“ In zwei weiteren Briefen bis Oktober 2005 erneuerte ich mein Angebot, zumindest den Drehbuchautor sachlich zu unterstützen. Doch dieses Angebot wurde nicht angenommen. Erst vor ein paar Monaten ließ sich jemand vom technischen Drehstab im Museum sehen und fragte an, ob wir unsere Nachbildung vom großen Diadem aus dem sog. Schatz des Priamos für Filmaufnahmen zur Verfügung stellen könnten (das Original ist wie bekannt als Beutekunst im Moskauer Puschkinmuseum). Ich antwortete ihm darauf, dass sich darüber reden ließe, doch möchte ich zuvor das Drehbuch einsehen, da ich nicht bereit bin, einen Film zu unterstützen, der Schliemann im falschen Licht darstellt, wie schon zu oft geschehen. Seitdem habe ich nichts mehr vom Drehteam gehört.
Wo liegt nun das Kernproblem? Ich weiß wohl zwischen einem Film- und einem wissenschaftlichen Werk zu unterscheiden. Da ersteres aber ein unweit größeres und unvorbereitetes Publikum erreicht, erwarte ich eine besonders gründliche Recherche. Filmaufnahmen in Neubukow (dort wurde Schliemann am 6. Januar 1822 geboren) oder in Ankershagen (hier verlebte er von 1823 bis 1831 seine ihn prägende Kindheit) sind nicht zwingend, vor allem natürlich dann nicht, wenn es wohl bei diesem Film nur um die Zeitspanne von 1868 bis 1873 geht. Doch einen Zweiteiler über Schliemann zu drehen und sich nicht im Heinrich-Schliemann-Museum, in seiner Bibliothek und in seinem Archiv (hier lagern Originalbriefe Schliemanns, ca. 40.000 Briefkopien an Schliemann, alle Kopien seiner 18 Reisetagebücher u. a.) sachlich informiert zu haben, halte ich – gelinde gesagt – für verwegen oder interesselos. Mit aller Höflichkeit gesagt: Heino Ferch kann kein „Sachverständiger in Sachen Schliemann“ sein und der Drehbuchautor mit Sicherheit auch nicht. Und was heißt das: Ferch hat „alle verfügbaren Bücher“ über ihn gelesen? Sind es wieder nur die reißerischen „Bestsellerromane“ oder die seiner englischsprachigen Hauptkritiker, deren Behauptungen über eine pathologische Lügenhaftigkeit des Mannes von uns weitgehend entkräftet wurden. Die Schliemannliteratur ist uferlos, wie sich jeder sofort in unserer Museumsbibliothek überzeugen kann. Doch muss man dann schon wirkliches Interesse am Leben und Werk des mecklenburgischen Pfarrerssohnes haben und nicht nur ein neues Event vorbereiten, bei dem es auf Wahrheit nicht so sehr ankommt.
Wie anders ist es zu erklären, wenn in Pressemitteilungen und Artikeln wieder vom Kindheitstraum, einmal Troia auszugraben, zu lesen ist. Dieser „Traum von Troia“ entpuppte sich schon lange als spätere Erfindung Schliemanns. Er ist vielmehr eine version ex eventu. Erst nach einem bestimmten Ereignis, dem Krimkrieg (1853-1856), kam der mittlerweile geschäftsmüde russische Großkaufmann Heinrich Schliemann auf die Idee, seinem bisherigen Leben eine Wende zu geben. Das Sprachgenie unternahm Bildungsreisen, widmete sich allmählich den Wissenschaften, liquidierte 1864 seine Geschäfte, ließ sich 1866 nach einer zweijährigen Weltreise in Paris nieder, studierte etwas an der Sorbonne, kam auf die Archäologie, kam auf Troia … 1868, so verkünden es nun einhellig die Blätter, teilte Schliemann „der Berliner Gelehrtenwelt“ seinen Plan, Troia auszugraben, mit. Alle waren gegen ihn, nur Rudolf Virchow nicht. Schliemann „verkauft seinen Besitz, um die Ausgrabungen zu finanzieren“ und bekommt einen „fiesen Gegenspieler, den profilierungssüchtigen Archäologen Oskar Neumann“, der, so heißt es an einigen Stellen, dem deutschen Kaiser nahe stand. Ich kann nur hoffen, dass dieses Durcheinander in den Zeitungen entstanden ist, und ich mir das nicht im Film ansehen muss. Schliemann hatte viele Gegner (der fiktive Oskar Neumann steht sicher für Ernst Curtius, dem Ausgräber von Olympia und Prinzenerzieher) und wenige Anhänger. Zu den treuesten zählte Rudolf Virchow, der Schliemann in den Gesellschaften für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte die von diesem sehnsüchtig gesuchte wissenschaftliche Heimat bereitete. Beide lernten sich aber erst in den späten Augusttagen 1875 kennen, mehr als zwei Jahre nach dem Fund des sog. Schatzes des Priamos! Und Schliemann verkündete nicht der „Berliner Gelehrtenwelt“ seinen Plan, sondern er schrieb sein erstes archäologisches Buch „Ithaque, le Péloponnèse, Troie“, mit dem er Ende April 1869 an der Rostocker Universität in absentia zum Dr. phil. promoviert wurde. Schliemann war ein sehr reicher Mann, der nicht seinen Besitz verkaufen musste, um seine Ausgrabungen finanzieren zu können. Bei Testamentseröffnung im Januar 1891 (Schliemann starb am 26. 12. 1890 in Neapel) belief sich dessen Vermögen auf rund 15 Millionen Goldmark (ca. 54 Millionen Euro; da müsste man jetzt noch den Warenkorb ansetzen, denn dieses Vermögen wäre wohl heute das Doppelte wert). Überspitzt formuliert: Schliemann brauchte für seine Ausgrabungen in Troia, Mykene, Tiryns und Orchomenos nur seine Zinsen!
Wenn also hier im Kleinen schon unnötige Fehler passieren, kann ich nur hoffen, dass Schliemann nicht wieder als skrupelloser Schatzsucher gezeigt wird, dass ich keine rührende Szene sehen muss, wie Schliemann mit seiner griechischen Frau Sophia den „Schatz des Priamos“ findet, denn eine solche Szene hat es – wenn auch oft geschildert – niemals gegeben, da Sophia am Fundtag (31. Mai 1873) zur Beerdigung ihres Vaters in Athen weilte, und dass Schliemann mit seinem Schatzfund, den er aus der Türkei herausschmuggelte und verbergen musste, nicht sofort hausieren geht. Der Zweiteiler soll nämlich, nach allem, was zu mir durchgesickert ist, mit der Szene enden, in der Schliemann 1873 vor einem staunenden Publikum einen Vorhang aufzieht, hinter dem der aufgebaute „Schatz des Priamos“ verborgen war. Na dann, Vorhang auf für ein neues Spektakel.
Vielleicht aber werden wir vom Film doch noch positiv überrascht, und es ist ein ruheloser Mann mit vielen Schwächen, Fehlern und z. T. Lügen zu sehen, dessen Verdienste für die Altertumswissenschaften aber bei weitem diese negativen Charaktereigenschaften überstrahlen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Reinhard Witte
Museumsleiter HSMAnkershagen, 16. August 2006

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