Schliemanns bleibende Lebensleistung
Vor der Geschichte hat letztlich nur die bleibende Lebensleistung eines
Menschen Bestand, und hier hat Heinrich Schliemann - dies wird auch von
seinen Kritikern gewürdigt - Bleibendes hinterlassen.
Geleitet durch seine Homergläubigkeit und grenzenlose Phantasie
hat der Autodidakt im Bewusstsein der Menschen mehr bewirkt, als viele
akademisch ausgebildete Wissenschaftler es vor und nach ihm vermocht haben.
Durch seine spektakulären Entdeckungen und Funde in Troja, Mykene,
Tiryns und anderen archäologischen Stätten hat Schliemann die
Aufmerksamkeit vieler Menschen in der zivilisierten Welt auf eine bis dahin
kaum beachtete Wissenschaft gelenkt - die Feldarchäologie. Sie stand
damals erst in den Anfängen, und Schliemann gilt als einer ihrer Pioniere
und als ihr Wegbereiter. Schliemann machte diese neue Wissenschaft in kurzer
Zeit sehr populär.
Er hat sich große Verdienste bei der Wiederentdeckung vorklassischer
Kulturen in Griechenland und Anatolien erworben und damit einen bedeutenden
historischen Beitrag zur Erkenntnis unserer europäischen Kulturgeschichte
geleistet. In Fachkreisen ist er heute als "Vater der mykenischen Archäologie"
anerkannt.
Heinrich Schliemann führte neue Forschungsmethoden in der Feldarchäologie ein, die noch heute Anwendung finden:
- Voruntersuchung des Geländes durch Sondagen (Suchgräben)
- Grabung bis auf den anstehenden Boden
- Beachtung der Stratigraphie (Schichtenfolge)
- Suche nach der Leitkeramik ("Leitfossil") für die einzelnen Schichten
- interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften, wie Anthropologie, Paläontologie, Paläographie, Topographie, Chemie u.a.
Schliemanns Erkenntnisse über die mykenische Geschichte und Kultur erwiesen sich als tragfähig und boten die Grundlage für weitere ausgedehnte Forschungen und Grabungen, die bis in die Gegenwart fortgeführt werden.
"Es ist heute eine müßige Frage, ob Schliemann im Beginn seiner Untersuchungen von richtigen oder unrichtigen Voraussetzungen ausging. Nicht nur der Erfolg hat für ihn entschieden, sondern auch die Methode seiner Untersuchung hat sich bewährt. Es mag sein, daß seine Voraussetzungen zu kühn, ja willkürlich waren, daß das bezaubernde Gemälde der unsterblichen Dichtung seine Phantasie zu sehr bestrickte, aber dieser Fehler des Gemüts, wenn man ihn so nennen darf, enthielt doch auch das Geheimnis seines Erfolgs. Wer würde so große, durch lange Jahre fortgesetzte Arbeiten unternommen, so gewaltige Mittel aus eigenem Besitz aufgewendet, durch eine fast endlos scheinende Reihe aufeinandergehäufter Trümmerschichten bis auf den in weiter Tiefe gelegenen Urboden durchgegraben haben, als ein Mann, der von einer sicheren, ja schwärmerischen Überzeugung durchdrungen war? Noch heute würde die gebrannte Stadt in der Verborgenheit der Erde ruhen, wenn nicht die Phantasie den Spaten geleitet hätte." Rudolf Virchow




